Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Als wär’ der Teiffl drinnen 
 

 

Es krachte, zischte und fauchte. Im beißenden Pulverdampf stürzten geharnischte Ritter aus den Rabatten aufs imaginierte Schlachtfeld, schlugen mit feuerspeienden Schwertern und Streitkolben aufeinander ein. Durch den Funkenflug entzündeten sich Feuerräder und Leuchtröhren, die Sternbutzen ausspuckten. Mit gleißendem Schweif jagten Raketen über die Köpfe. Bomben blitzten – und Hunderte von Schwärmern jaulten um die kunstvolle Scheinarchitektur eines turmbewehrten Kastells, das den Blick zum Horizont verstellte. Unter dem Gebrüll der Mörser flog das Kastell schließlich in die Luft: Ein halbes Tausend ohrenbetäubender Kanonenschläge ließ den Boden erzittern, Flammensäulen schossen in den Himmel, ganze Wagenladungen von Knallsätzen und Musketensalven verwandelten den nächtlichen Schauplatz in ein prasselndes Armageddon. Hell lodernde Apokalypse, wohin man nur blickte. Es war ein höllisches Spektakel, das an jenem 14. Juli 1650 auf dem Sankt-Johannis-Schießplatz vor den Toren der freien Reichsstadt Nürnberg für Jubel, Ovationen und ein halbes Dutzend Ohnmächtige sorgte. Eingeladen dazu hatte der ehemalige Wallenstein-Vertraute und spätere Reichsfürst Ottavio Piccolomini, der seit 1649 als kaiserlicher Vertreter mit den Schweden den Westfälischen Frieden ausgehandelt hatte – ein Vertragswerk, das den Dreißigjährigen Krieg endgültig beendete und in Nürnberg unterzeichnet wurde. Das barocke Flammentheater auf dem Schießplatz – ein pyrotechnisches Meisterwerk, das Himmel und Erde gleichermaßen erleuchtete – wollte ein Friedensfeuer sein und den Willen zur Versöhnung allegorisch unterstreichen: Die untergegangene Festung stand für ›Mars‹ und ›Discordia‹, also für den Krieg. Gesiegt hatte der Friede – und zwar in Gestalt einer Göttin, deren Figur unversehrt aus dem Inferno hervorgegangen war und zum Ausklang des Feuerwerks von einem lodernden Flammenkranz wie ein Mahnmal beleuchtet wurde. Im Zeitalter des Barock war es schick, zur Krönung politischer und höfischer Zeremonien Feuerwerke abzubrennen ...