Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Der Märchenkönig fährt U-Bahn, Sisi kommt aus Aachen

 

 

„Jetzt baut er wieder“, hieß es noch Anfang des Jahres auf einem Plakat, das in der ganzen Republik Litfaßsäulen und Reklameflächen schmückte. Es zeigte Ludwig II. in der schmucken Gala-Uniform der königlich bayerischen Armeeoffiziere – auf dem Kopf den leuchtend gelben Schutzhelm, der jeder Baustelle den nötigen farblichen Akzent verleiht. Diesmal allerdings war es kein Schloß, das er in gewohnter Unrast aus dem Boden stampfen ließ, sondern ein Theater – ein Bau, der nach alten Plänen des legendären Theaterarchitekten Gottfried Semper auf einer extra aufgeschütteten Insel im Forggensee in die Höhe wuchs. Die Planer, Handwerker und Arbeiter haben ganze Arbeit geleistet: Seit April dieses Jahres ist das Füssener Musical-Theater fertig. Der König hat also wieder Zeit für andere Dinge. Und: er hat seine einstige Scheu abgelegt. Statt sich wie früher in seinen weltabgeschiedenen Schlössern zu verstecken, mischt er sich neuerdings mit wachsender Begeisterung unters Volk. So sieht man Seine Majestät jetzt desöfteren Zeitung lesend in der Münchner U-Bahn, mit einer Leberkässemmel in der Metzgerei oder vor einer Tasse Cappuccino in einem Straßencafé. Manche begegnen dem König zu ihrer Überraschung beim Saunieren im Müllerschen Volksbad, andere trauen ihren Augen nicht, wenn er mit kraftvollem Tritt auf einer Landstraße im Allgäu an ihnen vorbeiradelt. Doch es stimmt schon: Ludwig II. lebt. Nur wohnt er nicht mehr in Neuschwanstein, Linderhof, Herrenchiemsee oder Berg, sondern in einem eher bescheidenen Appartement am nördlichen Stadtrand von Füssen ...