Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Der Weltstadt Undank
 

 

Manchmal kommt einem München im Vergleich zu anderen Großstädten ziemlich bescheiden vor. Es gibt nicht so viele Drogensüchtige wie in Hamburg, nicht so viele Gedenkstätten wie in Berlin und nicht so viele Katzen wie in Rom, außerdem keine Brühlsche Terrasse, keine Docklands, keinen Hradschin und keinen Zentralfriedhof. Den Fernsehturm müßte man um gute 150 Meter aufstocken, damit er die Spitze des Empire State Building erreicht. Und die Bayerische Staatskanzlei kann trotz ihrer wunderschönen Zirbelstube nicht mit dem Élysée-Palast an der  Rue du Faubourg-Saint-Honoré mithalten. Dennoch galt München jahrzehntelang als „Heimliche Hauptstadt Deutschlands“. Das lag zum einen daran, daß in der jungen Bundesrepublik kaum jemand wußte, wo Bonn eigentlich genau liegt, zum anderen an Franz-Josef Strauß, der die Isar-Metropole nachdrücklich ins Rampenlicht zu rücken verstand. Außerdem wurde in der Vergangenheit von München aus ja schon einmal – wenn auch nur zeitweise – halb Deutschland regiert: Kurfürst Karl Theodor beispielsweise herrschte nicht nur über Bayern, sondern auch über das Herzogtum Jülich-Berg mit der Hauptstadt Düsseldorf, über die Kurpfalz mit Heidelberg und Mannheim sowie über Pfalz-Neuburg – ganz zu schweigen davon, daß nachgeborene Münchner Wittelsbacher als Kurfürsten von Köln, als Fürstbischöfe von Hildesheim, Münster, Osnabrück oder Paderborn Territorien über Territorien an sich rafften, deren Dialekte sie nicht einmal ansatzweise verstanden ...