Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Der letzte Dandy


 

Hans Pleschinski lebt gefährlich. Er zählt zu jener Sorte von Kettenrauchern, die noch von den fiesesten Pathologenwitzen unbeeindruckt bleiben. Er geht auch bei Rot über die Straße und läuft - trotz aller UV-Warnungen - im Sommer mit nacktem Oberkörper durch München. Ersteres ist in seinem Fall allerdings insofern kaum gefahrenträchtig, als er in einem Stadtteil lebt, in dem es praktisch keine Ampeln, dafür aber umso mehr Tempo-30-Zonen gibt. Und zweiteres passiert angesichts derart verregneter Sommermonate wie heuer relativ selten - abgesehen davon, daß er es sich leisten kann, Brust und Bauch blank zu zeigen: Für einen mittlerweile 42jährigen hat sich Hans Pleschinski neben seinem jungenhaften Charme eine ebensolche Äußerlichkeit bewahrt. Hinzu kommt: Hans Pleschinski ist Schriftsteller. Völlig undifferenziert der landläufigen Überzeugung hingegeben, Autoren schrieben grundsätzlich Autobiographisches nieder, erliegt man gern der Ansicht, solcherlei reflektierende Geister begäben sich aus beruflichem Interesse in ähnliche Extremsituationen, wie oben geschildert, um ihre daraus resultierenden Erfahrungen in Kurzgeschichten oder Romane münden zu lassen. Insbesondere die Orgienszene, die Pleschinski in seinem 1995 erschienenen Roman zur See mit dem Titel Brabant schildert, kam uns diesbezüglich verdächtig vor. Darauf angesprochen reagierte Hans Pleschinski, der gerne über den »klanglichen Wallungswert der Sprache« philosophiert, zwar bemerkenswert einsilbig. In der Regel aber, so sein Resümee, halte er Literatur, die das eigene Leben abphotographiere, für langweilig. Tatsächlich machte er 1984 mit einem Roman Furore, der genau die Selbstbetrachtung aufs Korn nahm ...