Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Henkersknechte, Goldgrübler und die “Unlust”
 

 

Der 19-jährige Heinrich, ein Sohn Kaiser Friedrich Barbarossas, ahnte nichts Böses, als er am 26. Juli 1184 mit großem Gefolge im oberen Stockwerk der Erfurter Dompropstei Platz nahm. Er sollte einen Streit zwischen dem Erzbischof von Mainz und dem Landgrafen von Thüringen schlichten – eine Routineangelegenheit für den jungen Fürstensproß, mehr nicht. Dann aber passierte es: Ein ohrenbetäubendes Geräusch wie ein Peitschenknall, ein gewaltiges Bersten und Krachen – und der morsche Holzboden, der „das Gewicht so vieler großer und edler Männer nicht gewohnt war“, brach durch. Mit panisch geweiteten Augen und ohne jede Rücksicht auf die sonst so strenge hierarchische Ordnung purzelten Äbte und Bischöfe, Grafen und Fürsten, Ritter und Bürger der Stadt Erfurt durcheinander, durchschlugen auch noch den Fußboden des Erdgeschosses und stürzten kopfüber in die darunterliegende, äußerst geräumige und seit Jahren nicht mehr geleerte Latrinengrube. Rund 60 Würdenträger ließen in dem „scheußlichen Unflat“ auf wenig rühmliche Weise ihr Leben. Heinrich überstand das apokalyptische Szenario nur um Haaresbreite: Er war in einer gemauerten Fensternische gesessen und konnte mit Hilfe einer Leiter gerettet werden. Doch der Schreck saß tief: Er ließ sein Pferd satteln und kehrte der Stadt umgehend den Rücken – verfolgt vom „pestilenzischen Odem“, der dem Ort der Tragödie entströmte. Der „Erfurter Latrinensturz“ wirft ein bezeichnendes Licht auf die hygienischen Verhältnisse im deutschen Mittelalter und macht vor allem eines deutlich: Es stank allerorten zum Himmel ..