Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Musikhistorische Innenansichten der Kohlroulade
 

 

Die Kohlroulade (süddeutsch “Krautwickerl”, von der Haute Cuisine euphorisch “roulade de chou” genannt) ist jahrhundertelang verkannt geblieben. Nicht, daß man ihren Vitamin-C-Gehalt oder ihren Nährwert unterschätzt hätte - darüber ist man sich seit Menschengedenken einig, vor allem in Notzeiten. Ihre bisweilen angegriffene ästhetische Erscheinung und ihr je nach Art der Zubereitung mehr oder weniger herbes Aroma nebst der damit verbundene, unaussprechlichen individualbiologischen Folgen haben allerdings bei kulinarisch maßgeblichen Kreisen Zweifel aufkommen lassen, ob der genüßliche Verzehr von dampfenden Kohlrouladen als Ausdruck guten Geschmacks oder als Fehlen desselben gewertet werden muß. Mit anderen Worten: Es ist eine ebenso wahre wie traurige Feststellung, daß es der Kohlroulade in breiten Kreisen der Bevölkerung an der nötigen Reputation gebricht. Wesentliche Impulse erfuhr die diesbezügliche Diskussion jüngst durch einen Herrn namens “Piano Paul”, der sich nach fundierter musikhistorischer Recherche nichts weniger als die Rehabilitation der Kohlroulade auf die Fahnen geschrieben hat und dem odiösen Gemüsegericht - flötistisch sekundiert von Heike Emmerling - beherzt und wortreich zur Seite sprang. Ergebnis: Die Kohlroulade hat - Geschmack hin oder her - von Bach bis Haydn eine ungeahnt wirkkräftige Rolle gespielt und muß deshalb - allen Einwänden zum Trotz - als “Kulturpflanze” bezeichnet werden ...