Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Papageno oder Das lustige Elend
 

 

Er war ein Tausendsassa. »Erste Liebhaber« spielte er und alternde Stutzer, Könige und Tyrannen, Vogelmenschen und Luftgeister, ehrliche Bürger und »ausg’schamte Elementer«. Die 61 Jahre seines Lebens sahen ihn in mehreren hundert Hauptrollen. Und nicht selten trat er innerhalb einer Woche in sieben unterschiedlichen Produktionen vor sein Publikum. Die urwüchsige Bühnenbegabung, die ihm in die Wiege gelegt war, ließ ihn nicht nur zu einem der wandlungsfähigsten und populärsten Schauspieler seines Jahrhunderts werden: Gleich tüchtig zeigte er sich als Textdichter. Er schrieb Gassenhauer wie das Volkslied Die Tiroler sind lustig, die Tiroler sind froh, in erster Linie aber Tragödien und Ritterdramen, Lokalpossen und Volksstücke, Opern und Operetten. An die hundert Bühnenwerke stammen aus seiner Feder – darunter das Libretto für Mozarts Zauberflöte: Mit der Figur des Papageno hat er sich hier selbst ein Denkmal gesetzt: ...  Daß Emanuel Schikaneder das Locken und Pfeifen beherrscht, bewies er vor allem als Impresario. Denn er spielte nicht nur die Hauptrollen seiner eigenen Stücke, zu denen er gelegentlich die Musik schrieb. Er inszenierte sie auch noch selbst – mit rauschhafter, publikumswirksamer Leidenschaft. An Selbstbewußtsein fehlte es ihm nicht ... Hingerissen von der Lust am barocken Drama, das in Bayern und Österreich von Jesuiten und Benediktinern mit großem Engagement gepflegt worden war, huldigte er wie kaum ein anderer Theatermann seiner Zeit dem spektakulären Effekt. Seine Aufführungen übertrafen sich gegenseitig an Prunk und Illusion. Schikaneder galt bald als Magier der Verwandlung, als Meister der Sinnlichkeit, der mit pompösen Bühnenbildern, überbordenden Massenszenen, raffiniert ausgeklügelten Maschinen und phantastischen Flugwerken einen Bühnenzauber ohnegleichen zu entfesseln vermochte ...