Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Romantik-Riese
 

 

Einer seiner Vorfahren war um 1600 Sheriff von London. Er selbst spielt gern Robin Hood – wenn es sein soll, auch auf der Bühne ... Der 43jährige amerikanische Bariton und James-Bond-Fan Thomas Hampson ist mit seiner drahtigen Größe von fast 1, 95 Metern der ideale Mann für jedes Football- oder Baseball-Team. Und daß er in jungen Jahren bei einer Baufirma jobbte, um sein Taschengeld aufzubessern, paßt zu seiner zupackenden, unkomplizierten Art. Er sagt von sich selbst, er habe ein vorlautes Mundwerk und werde so lange seine Überzeugungen artikulieren, bis ihm jemand ein Messer in den Rücken ramme. Trotz aller Geradlinigkeit und Entschiedenheit ist Thomas Hampson kein Haudrauf. Der Liebhaber deutschsprachiger Lyrik, der auf Blütenpollen allergisch reagiert, ist von seiner Ausstrahlung her eher ein smarter Typ - und seinen ersten Gesangsunterricht bekam er von einer katholischen Nonne ...  Er studierte an verschiedenen amerikanischen Universitäten Gesang, bevor ihn 1980 der deutsche Bariton Horst Günter unter seine Fittiche nahm. Gefördert auch von Elisabeth Schwarzkopf, unterschrieb er 1981 einen Vertrag als Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg und wechselte 1984 an die Züricher Oper. Er debütierte in Köln, Hamburg, Wien und Salzburg. Seine Karriere ließ sich nun nicht mehr aufhalten ... Inzwischen schließt er nur noch Gastverträge ab, lebt aus dem Koffer und singt heute in Wien den Marquis Posa, morgen in London den Don Giovanni. Sein Opernrepertoire reicht von Monteverdi bis Henze. Daneben begeistert sich der passionierte Jazzliebhaber und Internet-User für das amerikanische Musical. Vier CDs mit Melodien von Irving Berlin über Cole Porter bis Kurt Weill hat er bislang aufgenommen. Die Tatsache, daß ihm wegen seiner Vielseitigkeit der Vorwurf gemacht wird, er sei ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, quittiert er mit einem Lächeln: »Ich bin einfach Sänger und habe keine Lust, mich festlegen zu lassen auf Oper oder Musical. Ich mag keine Grenzen.« Deshalb vertieft er sich mit obsessiver Leidenschaft auch in die Welt deutschsprachiger Lieder ... »Ich will nicht als Thomas Hampson toll sein, sondern als Figaro - oder als einer, der Dichtern seine Stimme leiht, die uns die Zusammenhänge der Welt erklären.« Insofern sehe er sich nicht in der Rolle eines huldigungsgeilen Stars, sondern in der eines riesters: »Ich will mit meinem Tun einen Beitrag leisten, daß die Menschen ihren Weg finden, daß sie aufwachen aus ihrer Narkose, ihren Gefühlen wieder Raum geben und erkennen, daß nichts für sich allein steht.« Das sei, wenn man so wolle, ein gesellschaftspolitischer Auftrag, dem sich die Musik als eine Form der Massenspsychologie stellen müsse.