Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Tastenmagier und Kind
 

 

Er war gerade dabei, sich als Star zu etablieren: Michel Petrucciani, Sohn eines Neapolitaners und einer Französin, galt als eines der großen Talente unter den jüngeren Jazzpianisten ... Seine genialen Improvisationen und sein brillantes Spiel rückten seine Glasknochenkrankheit in den Hintergrund. Er selbst sah sich als Mittler zwischen Vergangenheit und Zukunft des Jazz. Noch vor wenigen Wochen sagte er gegenüber der Vogue: »So Gott will, bin ich jetzt in der Mitte meines Lebens angelangt: In der ersten Hälfte habe ich die Großen von gestern kennengelernt, jetzt, in der zweiten Hälfte, hoffe ich die Großen von morgen kennenzulernen.« Der Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen: Am 6. Januar 1999, wenige Tage nach seinem 36. Geburtstag, starb Michel Petrucciani in seiner Wahlheimat New York überraschend an einer Lungenentzündung. Eines seiner letzten Interviews gab Michel Petrucciani unserem Autor Klaus Reichold:

Vogue: Man erzählt, Sie hätten bei Ihrem ersten Auftritt in Deutschland zu Beginn der achtziger Jahre in einem ziemlich finsteren Club gespielt - vor zwei Leuten, von denen einer betrunken gewesen sei. Heute dagegen füllen Sie mit Ihren Konzerten mühelos die Dresdner Semperoper, die Berliner oder die Münchner Philharmonie. Das ist ja eine höchst erfreuliche Wendung ...

Petrucciani: Ja Gott sei Dank! Bei meinem zweiten Besuch in Deutschland waren es schon um die 80 Zuhörer. Zum Durchbruch in Deutschland hat mir aber erst Roger Willemsen verholfen. Wir lernten uns 1994 kennen, als er mich nach einem Konzert in London vor der Garderobe abfing: Er outete sich als langjähriger Fan, der alle meine Aufnahmen in seinem Regal stehen hatte, und fragte, ob ich Lust hätte, als eine Art Hauspianist in seiner Talkshow aufzutreten. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich zu - obwohl mir nicht ganz wohl dabei war, die nächsten vier Jahre jede Woche von New York oder Paris nach Hamburg fliegen zu müssen. Aber so eine Chance läßt man sich nicht entgehen. Fernsehen ist einfach ein magisches Medium. Ohne Rogers Show wäre ich in Deutschland nie so populär geworden. Außerdem bin ich durch die Zusammenarbeit mit Roger vielen sympathischen und interessanten Leuten begegnet. Dadurch habe ich Deutschland erst richtig kennengelernt - als ungewöhnlich offene, neugierige und kultivierte Nation.

Vogue: Ihre Auftritte in Willemsens Woche sind von der Kritik zum Teil mit bösen Worten kommentiert worden. So hieß es beispielsweise, Willemsen habe Sie nur deswegen in der Sendung, weil Sie behindert sind und so originell aussähen.

Petrucciani: Das ging damals unter die Gürtellinie. Ich weiß es nicht, aber ich denke, daß ich keinen Behindertenbonus habe. Auch Andrea Bocelli verdankt seinen Erfolg nicht der Tatsache, daß er blind ist, sondern daß er eine tolle Stimme hat. Stellen Sie sich vor, alle Blinden würden plötzlich anfangen zu singen. Ich glaube, daß sich die Menschen in meinem Fall wirklich für die Musik interessieren. Ich bin ein aufrichtiger, wahrhaftiger und ehrlicher Pianist. Und auch mir wird nichts geschenkt: Wer es nicht schafft, die einmal erreichte Aufmerksamkeit durch fortwährende überzeugende Leistung zu steigern oder wenigstens am Köcheln zu halten, verschwindet schnell wieder in der Versenkung.

Vogue: Ihre Glasknochenkrankheit scheint Sie ja auch nicht einzuschränken: Man rühmt Sie wegen Ihres harten, zupackenden Anschlags und schätzt Ihre akrobatisch-virtuosen Einlagen, die an Oscar Petersen erinnern.

Petrucciani: Danke für die Blumen! Daß ich so spiele, wie ich spiele, hat tatsächlich weniger mit meiner physischen Konstitution zu tun als mit harter Arbeit. Ich habe früh begonnen, Klavier zu spielen - weil mir das im Künstlerischen die Freiheit gibt, die mir in der Realität wegen meiner Krankheit versagt ist. Ich hatte zwölf Jahre klassischen Unterricht und übte zehn Stunden am Tag. Da bleibt nicht nur einiges hängen, da wächst auch die Lust, über die Grenzen hinauszugehen, das technisch gerade noch Machbare auszuprobieren.

Vogue: Menschen, die Schubladen brauchen, stecken Sie gerne in die der Traditionalisten.

Petrucciani: Dazu stehe ich aber auch. Ich mag alte Neapolitanische Volkslieder, Mozart und Rachmaninow, Prince und Michael Jackson. Dieses Erbe klingt bei mir mit. Nach meiner Überzeugung darf Jazz keine elitäre Musik sein, die nur eine Minderheit anspricht. Jazz soll populär sein, ein Genuß für viele - wenn auch nicht banal. Ich bin offen für alle Musikstile und musikalische Abenteuer. Und das faszinierende Miteinander verschiedenster Richtungen fesselt mich immer wieder. Jazz ist ein brodelndes Laboratorium, in dem es pausenlos zischt und kracht. Darin besteht für mich auch der Unterschied zur Klassischen Musik: Die Klassische Musik ist eine alte Dame, eine ehrwürdige Kathedrale. Ihr Reservoir an Formen und Variationen ist ausgeschöpft. Im Jazz dagegen ist noch nichts festgelegt, hier steckt noch alles in den Kinderschuhen. Der größte Vorzug des Jazz in meinen Augen: Er bietet eine große Spielwiese für Menschen wie mich, deren Bestimmung es ist, ein Kind zu bleiben.