Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Totenbahren und Rauchpfannen


 

Mein Gott, wie hat man uns in der Schule mit Goethens Faust sekkiert. Den Prolog vorwärts und rückwärts, in Auerbachs Keller hinunter, die Harzhöhen hinauf. Wenn der Doktor gleich zu Beginn der Tragödie ersten Teils meint, er zöge „schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm“ seine „Schüler an der Nase herum“, dann sahen Generationen von Pennälern ihr ureigenstes Schicksal in knittelige Verse gegossen – um mit Verwunderung festzustellen, daß die Schulmeister offenbar nie den nächsten Satz gelesen haben. Dort nämlich heißt es, daß man nichts, rein gar nichts wissen könne - selbst wenn man gescheiter sei „als alle die Laffen, Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen“. Wäre anstelle der Lehrer Friedrich Wilhelm Murnau am Katheder gestanden, und hätte er - statt schulmeisterlich-lieblose Rhythmus-Analysen und langwierige Interpretationsversuche vorzunehmen – seinen 1925/26 entstandenen Faust-Film gezeigt, wäre der schulische Erkenntnisekel vermutlich so manchem erspart geblieben. Denn der große deutsche Filmregisseur der goldenen Zwanziger setzte mangels Ton ganz auf die Kraft der Bilder. Bei ihm wird Faust wirklich lebendig, bei ihm wird auch in Schwarzweiß mit allem Reichtum der Farben gezecht, getanzt und gestorben. Aus dem Gemetzel der Gefühle leuchten hilflose Angst und lüsterne Begierde, verzweifelte Ohnmacht und feurige Leidenschaft - und über allem triumphiert der Dämon des Bösen, mal als harmlos-animalischer, kumpelhafter Sparifankerl, mal als nahezu allmächtiger und unheimlicher Herr der Finsternis ...