Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

50 Skulpturen, die man kennen sollte
 

 

 

Textbeiträge von Klaus Reichold

Im Angesicht des Todes: Das Kölner Gerokreuz
Gottesmutter im Goldmantel: Die Essener Goldmadonna
Triumph der Gotik: Das Nordportal der Kathedrale von Chartre
Raumfüllende Monstranz: Riemenschneiders Heilig-Blut-Altar in Rothenburg
Der Altar als Theaterbühne: Egid Quirin Asam und die Klosterkirche in Rohr
Komet am Nachthimmel: Bustellis Figuren der Commedia dell’Arte
Romeo und Julia der Antike: Canovas „Amor und Psyche“
Mir fatal: Schadows Prinzessinnengruppe
Symbol des „American Dream“: Die Freiheitsstatue in New York
Denkmal der Lebensfreude: Der Tarotgarten von Niki de Saint Phalle
Inspiration Wüste: Die „speccific objects“ von Donald Judd
Exorzismus ist gesund: Louise Bourgeois’ Maman

 

Textbeispiel

Man könnte meinen, er sei ein Hallodri gewesen: Mit seinen vier Frauen hatte er mindestens fünf eigene Kinder, dazu drei angeheiratete. Außerdem galt er als Freund der Bauern und damit als Revoluzzer. Zwei Monate saß er in den feuchten Verliesen der Würzburger Festung Marienberg und wurde gefoltert. Angeblich brach man ihm beide Hände, so daß er nie mehr arbeiten konnte. Wer meint, er sei dadurch vom Filou zum armen Teufel geworden, liegt falsch: Die Grabplatte des 1531 Verblichenen zeigt einen hochgewachsenen, vornehmen Mann, der in eine knöchellange, mantelartige Schaube gehüllt ist, ein schickes Barett auf dem Kopf trägt und wie ein Gelehrter aussieht. Tilman Riemenschneider, Zeitgenosse von Machiavelli, Luther und Vasco da Gama, war Ratsherr und Bürgermeister der fränkischen Bischofsstadt Würzburg. Er galt als einflußreich und wohlhabend, besaß Häuser, Grundstücke, Weinberge. Seine öffentlichen Ämter, sein Geschäftssinn und sein Talent brachten ihm hohes Ansehen und lukrative Aufträge, letztere in seinem eigentlichen Brotberuf. Bis nach Böhmen lieferte der „deutscheste der mittelalterlichen Bildhauer“ seine Werke ...