Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Auftritt: 75 Jahre Ludwigsburger Schloßfestspiele
 

 

 

Seit einem Dreivierteljahrhundert verwandelt sich das „deutsche Versailles“, die größte barocke Schloßanlage Deutschlands, alljährlich in den Schauplatz der Ludwigsburger Schloßfestspiele. Vor 75 Jahren gegründet, gehört das Festival heute zu einem der ältesten und traditionsreichsten auf deutschem Boden. Um diesen Anlaß gebührend zu feiern, hat die Festspielleitung einen Prachtband zusammengestellt: „Auftritt: 75 Jahre Ludwigsburger Schloßfestspiele“ ist nicht nur eine reich bebilderte Chronik, sondern auch ein buntes, abwechslungsreiches Kaleidoskop, das die bekannten und weniger bekannten Facetten eines der ältesten und renommiertesten Festivals im deutschsprachigen Raum wirkungsvoll in Szene setzt. Anstelle herkömmlicher Kapitel nimmt das Buch in fünf „Auftritten“ Festspiele, Spielorte, Spielarten und Spieler unter die Lupe. 16 Autoren aus Politik und Kultur – darunter Ulrike Albrecht, Ernst Elitz, Bernd Feuchtner,  Stephan Hoffmann, Wulf Konold, Uwe Schweikert, Cornelia Weidner und Klaus Reichold – stellen die verschiedenen Aspekte des Festivals vor. Abgerundet wird der Festspieleindruck durch einen Blick hinter die Kulissen und ein literarisches Festspieltagebuch der deutschen Jungautorin Jagoda Marinic.

 

Aus dem Inhalt

Ernst Elitz:
Barocker Glanz und internationales Flair
Bernd Feuchtner:
Michael Hofstetter – Musiker und Macher
Stephan Hoffmann:
Künstler von Rang und Namen
Wulf Konold:
Festspiele im Aufbruch
Klaus Reichold:
Alles Theater! – Schloß Ludwigsburg als Bühne fürstlicher Selbstinszenierung
Uwe Schweikert:
“Ein ganz besonderer Ort” – Oper im Schloßtheater
Cornelia Weidner & Ulrike Albrecht:
Gesamtkunstwerk auf grüner Wiese - Das Klassik Open Air am Seeschloß Monrepos

 

Textbeispiel von Klaus Reichold

Genaugenommen ist die häßliche Herzogin an allem schuld. Sie hatte herbe Gesichtszüge und einen mürrischen Mund, war fromm bis zur Bigotterie, spröde, langweilig und ohne jeden Charme. Man kann drei Kreuze schlagen, daß es einen solchen Typ Frau heute gar nicht mehr gibt. Herzog Ludwig Eberhard von Württemberg (1676-1733) konnte das nicht: Er war mit besagter Dame, die sich Johanna Elisabeth nannte, dem Geschlecht der Markgrafen von Baden-Durlach entstammte und unbeirrbar an den pietistischen Moralvorstellungen ihres Elternhauses festhielt, verheiratet. Daß das nicht lange gut gehen würde, lag auf der Hand: Hier die verhärmte Humorlosigkeit mit dem stets erhobenen Zeigefinger, dort der barocke Lebemann, der sich bedenkenlos seinen Leidenschaften hingab. Tatsächlich zog Ludwig Eberhard schon bald die Notbremse und tat das einzig Richtige: Nachdem ihm die ungeliebte Gattin 1698 den aus dynastischen Gründen unverzichtbaren Thronfolger geboren hatte, erklärte er seine ehelichen Verpflichtungen für erledigt und ergriff die Flucht. Erst machte er eine „Kavalierstour“ nach Holland, England und Frankreich, wo er einige Zeit inkognito am Hof von Versailles zugebracht haben soll. Anschließend zog er an der Seite des Kaisers von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, zeigte ein enormes taktisches Talent und legte eine steile Militärkarriere hin: Als 31-Jähriger erhielt er den klangvollen Titel des „Reichs-General-Feldmarschalls“. Die schmallippige Johanna Elisabeth saß derweil schmollend und immer noch „aller fesselnder Reize bar“ im Alten Schloß zu Stuttgart und verfaßte, von kolossaler Langeweile übermannt, rumpelnde Aphorismen über die Reinheit der deutschen Sprache …