Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Die phantastische Welt des Märchenkönigs

Ludwig II - Biographie
 

 

Er träumt von absolutistischer Allmacht und ist ein Opfer der Ohnmacht.
Er sieht sich als Fürst des Friedens und führt zwei furchtbare Kriege.
Er verdammt den Sog der Moderne und bedient sich der neuesten Technik.
Er fürchtet den Gang zum Zahnarzt und vergöttert tapferer Ritter.

Er wollte eigentlich Schiffskapitän werden.
Er fuhr das erste elektrisch beleuchtete Fahrzeug der Welt.
Er dachte darüber nach, seine Residenz von München nach Kabul zu verlegen.
Er plante einen Chinesischen Sommerpalast vor der imposanten Kulisse schneebedeckter Alpengipfel.

Ludwig II. ist der Bühnenbildner seiner eigenen Traumwelten – und zugleich sein eigener und einziger Zuschauer. Am Ende erklärt man ihn für verrückt. Dabei wird Ludwig II. schon zu Lebzeiten wie ein Popstar verehrt. Mit seinem Tod wird er zum Mythos. Warum eigentlich?   

Ein Feuerwerk erstaunlicher und sinnlicher Details aus dem Leben Ludwigs II. erklärt seine Anziehungskraft über alle Zeiten hinweg.

 

Aus dem Inhalt

Das himmlische Finale zum irdischen Trauerakte: Der tote König
Sie haben ihn in' See neigsteßn: Die Gerüchteküche
Sire, einzig wahrer König dieses Säkulums: Die Verklärung
Vom Fin de siècle zum Science fiction: Die Zeitumstände
Ein Märchenprinz im grünen Sammetrocke: Der Thronfolger
Das Bulyowsky-Luder soll sich zum Teufel scheren: Die Liebe
Langjang, Lederstrumpf und Lohengrin: Die Geisteswelt
Ich kann nicht leben in dem Hauch der Grüfte: Der Rückzug
Vom Zauber des Hindu-Kuh: Die Gegenwelt
Man muss sich solche Paradiese schaffen: Der Traumhaus-Architekt
Eine letzte Erfüllung: Die Meerfahrt

 

Textbeispiel

Es war zwei Uhr nachts, wenn nicht später. In den endlosen Gängen der Münchner Residenz herrschte gespenstische Stille. Und nirgendwo zeigte sich ein Diener! Philipp zu Eulenburg, seit knapp fünf Jahren Legationssekretär der Preußischen Gesandtschaft in Bayern, eilte orientierungslos durch die spärlich beleuchteten Korridore. Er kam von einer Unterredung mit dem preußischen Kronprinzen und dem Großherzog von Baden, die in der Residenz logierten und ihn zu sich gebeten hatten. Er sollte ihnen erzählen, was in der Nacht zum vergangenen Montag wirklich passiert war. Dieser Pflicht hatte er, aus seiner Sicht, Genüge getan. Jetzt wollte er endlich nach Hause. Aber wo ging es hinunter ins Parterre, zur Pforte, die auf die Residenzgasse hinausführte? Am Ende eines dunklen Ganges zeichnete sich eine Tür ab. Eulenburg öffnete sie – und „prallte entsetzt zurück“, wie er in seinen Erinnerungen erzählt. Denn er stand auf einer Empore der Hofkapelle und blickte direkt in den offenen Sarg Ludwigs II.: „So hoch war der Katafalk, auf dem die Leiche des Königs in der Tracht der Georgsritter ruhte, daß sie den Rand dieser Galerie erreichte. Schauderhaft verzerrt war das rot und weiß geschminkte Totenantlitz, auf dem der Widerschein der gelben Kerzen sich spiegelte!“, so Eulenburg. Seit Jahren hatte sich Ludwig II. kaum in seiner königlichen Haupt- und Residenzstadt München aufgehalten – jedenfalls nicht länger als jene einundzwanzig Tage, die die Verfassung dem Monarchen zwingend vorschrieb. Jetzt aber war er für immer zurückgekehrt. Und das Volk, das ihn – den Einsamen, Menschenscheuen, Weltflüchtigen – nur noch vom Hörensagen kannte, kam in hellen Scharen, um ihn ein letztes Mal zu sehen …