Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Heimatkunde Bayern
 

 

 

Nirgendwo sind die Berge so hoch, die Seen so blau  und die Biergärten so schön schattig wie in Bayern. Doch selbst im Land der Dirndl und der Schweinshaxn haben sich die Zeiten geändert. So besteht der Dreiklang der weiß-blauen Kampfsportarten nicht mehr aus Zitherspielen, Tabakschnupfen und Fingerhakln, sondern aus  Bouldern, Mountainbiking und Weight Watching.  Überhaupt ist Bayern sehr viel bunter, widersprüchlicher und weltläufiger, als man gemeinhin denkt - was auch daran liegt, dass man hier schon seit hundert Jahren nicht mehr auf die Preußen schießen darf.

 

Aus dem Inhalt

Warum Berlin genaugenommen zu Bayern gehört
Warum Bayern nicht mehr am Mittelmeer liegt
Warum Franken und Schwaben keine Lederhose tragen dürfen
Warum die “Weißwurscht” ein Faschingsscherz ist
Warum Daniel Kübelböck zwangsläufig mit einem Gurkenlaster zusammenstoßen musste
Warum die Bayern ebenso bescheiden wie schüchtern sind
Warum man mit den Bayern keinen Krieg gewinnen kann
Warum Bayerns Frauen starke Frauen sind
Warum die Landesmutter beim Oktoberfest ein Dirndl tragen muss
Warum man in Bayern nicht mehr auf die Preußen schießen darf
Warum der Fortschritt bayerisch spricht
Warum Bayern ein orientalisches Land ist
Warum Papst Benedikt XVI. kein Bayer sein kann

 

Textbeispiel

Eigentlich wären die Grafen von Bogen keiner Erwähnung wert. Denn sie führen sich auf einen Ahnherrn zurück, der als Adalbert der Charakterlose in die Geschichte eingegangen ist, galten als ziemliche Rabauken und sind zur allgemeinen Erleichterung schon im Jahr 1242 ausgestorben. Trotz ihres zweifelhaften Rufes werden sie allerdings nie dem Vergessen anheimfallen. Sie hinterließen nämlich ein ebenso markantes wie einprägsames Wappen, das noch heute wie kein anderes Symbol für Bayern steht: die weiß-blauen Rauten, von eingefleischten Heraldikern "Wecken" genannt. Woher diese Wecken stammen, weiß kein Mensch. Gehen sie auf Eisengitter zurück, mit denen die Bogener ihre Kampfschilde verstärkten? Oder zeugen sie einfach nur davon, dass diese mittelalterlichen Haudegen aus dem Niederbayerischen eine ästhetische Schwäche für gleichseitige Parallelogramme hatten? Und warum, in Gottes Namen, sind die Rauten ausgerechnet weiß-blau, beziehungsweise silber-blau, wie es heraldisch richtig heißen müsste? Jedenfalls "vererbten" die Grafen von Bogen ihr Hoheitszeichen an die Wittelsbacher – und damit an eine Dynastie, die 738 Jahre lang über Bayern herrschte und den weiß-blauen Rauten zu internationaler Reputation verhalf. Die bayerischen Wecken sind nämlich keineswegs nur in Bayern zu finden. Der Landkreis Karlsruhe trägt sie im Wappen, die alte saarländische Steinkohlestadt St. Ingbert, das romantisch am Rhein gelegene Bacharach. Auch Weinheim an der Bergstraße, das für seine frühe Mandelblüte berühmt ist, schmückt sich mit ihnen – ganz zu schweigen von den alten Winzerdörfern entlang der Deutschen Weinstraße: Von Mölsheim im Norden bis Oberottenbach im Süden stößt man zwischen den Rebhängen alle paar Kilometer auf Ortswappen mit den weiß-blauen Rauten. Außerdem zieren sie die große Glocke des Bonner Münsters, den Westgiebel von Schloss Mainau im Bodensee und den Marstall von Schloss Neuhaus bei Paderborn. Sie prangen auf alten Münzen belgischer Provenienz, gaben im fünfzehnten Jahrhundert dem Siegel der vereinigten Königreiche von Dänemark, Schweden und Norwegen und von 1833 bis 1862 auch dem Wappen der griechischen Monarchie eine exotische Note. Angesichts dieser fast schon weltumspannenden Verbreitung der weiß-blauen Rauten stellt sich zwangsläufig die Frage: Ist Bayern eigentlich überall?