Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Als Mann der Schrift  mußt du auch lügen
 

Bischof Otto von  Freising als Chronist seiner Zeit

 

Der Bleisarg war in einem ziemlich ramponierten Zustand. Der Schädel fehlte. Erhalten hatten sich nur wenige Knochen. Auf dem Grabstein waren die schemenhaften Konturen eines Bischofsstabes eingeritzt, sonst nichts: kein Name, keine Lebensdaten. Erst eine Untersuchung im anthropologischen Labor des Naturhistorischen Museums in Wien ergab zweifelsfrei, daß die Gebeine von einem 40 bis 50 Jahre alten Mann stammen, der wegen seines gering ausgeprägten Muskelreliefs wahrscheinlich einer geistigen Tätigkeit nachging und im 12. Jahrhundert lebte. Damit war die Vermutung bestätigt: Es handelt sich wohl wirklich um die Gebeine Ottos von Freising, der 1158 im Alter von 46 Jahren gestorben war und schon zu Lebzeiten als bedeutendster Geschichtsschreiber des deutschen Mittelalters gegolten hatte. Zum Chronisten seiner Epoche war Otto von Freising prädestiniert wie kaum ein anderer: Markgraf Leopold III. von Österreich war sein Vater, König Konrad III. sein Halbbruder, Kaiser Friedrich I. Barbarossa sein Neffe. Otto kannte die politischen Ränkespiele aus eigener Anschauung – und er kannte die Welt: In Paris hatte er Theologie studiert, in Burgund als Zisterziensermönch gelebt. Nach Rom war er als Diplomat gekommen, nach Jerusalem als Teilnehmer des Zweiten Kreuzzugs. Seine Aufgaben als Freisinger Oberhirte verlor er trotzdem nie aus den Augen: Er reformierte die Domschule, raufte sich mit den Wittelsbachern, förderte die Seelsorge auf dem Land, berief die Augustinerchorherren nach Schlehdorf und die Prämonstratenser nach Schäftlarn. Zwischendurch verschwand er für Monate in seiner Studierstube. Dort schrieb er eine achtbändige Weltchronik mit dem Titel Historia de duabus civitatibus, später die Biographie seines Neffen Barbarossa, die Gesta Friderici. Beide Werke gelten als Höhepunkte mittelalterlicher Geschichtsschreibung – die Weltchronik wegen ihrer großartigen geschichtsphilosophischen Tiefe, die Biographie Barbarossas wegen ihrer unerreichten Authentizität. Neuerdings ist Otto von Freising sogar eine Romanfigur: Umberto Eco läßt den bayerischen Kirchenfürsten in seinem jüngsten Roman Baudolino als Lehrer des Titelhelden auftreten und legt ihm einen Satz in den Mund, der die vielleicht wichtigste Erkenntniss einer lebendig-erzählenden Geschichtsschreibung wiedergibt: »Willst Du ein Mann der Schrift werden, so muß Du auch lügen können«.