Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Das Geheimnis der Centurien
 

Zum 500. Geburtstag des Arztes und Astrologen  Michel de Nostredame
 

Selbst um den toten Nostradamus ranken sich Legenden: Er soll stehend in der Kirchenmauer des Franziskanerklosters zu Salon in der Provence beerdigt worden sein – falls er überhaupt je gestorben ist. Denn eine andere Überlieferung weiß zu berichten, der berühmte Astrologe und Leibarzt des französischen Königs Karl IX. sitze bis heute mit Kerze, Feder, Tinte und Papier in seinem Grab und schreibe weiter über die Zukunft. Umstritten war der am 14. Dezember 1503 geborene Sohn einer zum Christentum übergetretenen jüdischen Familie schon zu Lebzeiten. Man zieh ihn einen »schlimmen Scharlatan« und »listenreichen Betrüger«. Doch er hatte auch Bewunderer: Katharina von Medici, Gemahlin des französischen Königs Heinrich II., ließ sich regelmäßig von ihm die Sterne deuten. Und für den späteren Kaiser Rudolf II. erstellte Nostradamus ein umfangreiches Geburtshoroskop, dessen Original heute in Augsburg aufbewahrt wird. In der schwäbischen Bischofsstadt lebte auch der wohlhabende Patrizier Hans Rosenberger, der zu den Klienten von Nostradamus zählte – und der Arzt Hieremias Martius, der wie Nostradamus in Montpellier Medizin studiert hatte. Martius übersetzte ein frühes Werk des Nostradamus ins Deutsche, nämlich seinen Wahrhaftigen, gründlichen und vollkommenen Bericht, wie man einen ungestalten Leib schön und junggeschaffen macht, wie man wohlriechende Wasser, Pulver sowie Seifen zubereitet und wie man allerlei Früchte auf das lieblichste in Zucker einkocht, um selbige haltbar zu machen. Berühmt geworden ist Nostradamus allerdings weniger als Arzt oder Verfasser von Rezeptbüchern, sondern als Autor der Centurien – einem gewichtigen Werk mit 942 »ewig dauernden Prophezeiungen bis ins Jahr 3797«. Die dunklen Andeutungen beschäftigen die Welt bis heute. War Nostradamus ein begnadeter Seher oder ein gewissenloser Blender? Was wissen wir überhaupt über sein Leben und Wirken? Die Sendung macht sich auf zu einer Spurensuche im Zwielicht von Mythos und historisch belegbarer Wirklichkeit.