Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Der brennende Salamander
 

Von der Suche der Alchemisten nach dem Stein der Weisen
 

Es war in Staufen im Breisgau, in einer Nacht des Jahres 1540: Plötzlich erschütterte eine gewaltige Explosion das Gasthaus "Zum Löwen". Im dritten Stock, wo sich eine schillernde Gestalt eingemietet hatte, mußte Entsetzliches passiert sein. Doch erst am nächsten Tag faßte der Wirt den Mut, nachzusehen. Zwischen Splittern und Trümmern entdeckte er die gräßlich zugerichtete Leiche des zwielichtigen Gastes: den Kopf merkwürdig verdreht, Arme und Beine zerfetzt. Der Name des Toten: Johann Georg Faust. Schnell verbreitete sich das Gerücht, der Teufel habe den zauberkundigen Wundarzt und Goldmacher zerrissen, um sich seiner Seele zu bemächtigen. Tatsächlich aber dürfte das spektakuläre Ende des legendären Schwarzkünstlers, der zuvor schon in Bamberg, Eichstätt, Fürth, Ingolstadt und Würzburg für Furore gesorgt hatte, ein alchemistischer Betriebsunfall gewesen sein: Vermutlich hatte er bei der Suche nach einem Rezept zur Goldherstellung die falschen Ingredienzen gemischt und unbeabsichtigt eine todbringende Druckwelle ausgelöst. Freilich – Faust mag ein Scharlatan gewesen sein, ähnlich wie der Goldmacher Marco Bragadino, der 1591 auf dem Münchner Weinmarkt hingerichtet wurde, oder wie Caetano Ruggiero, der an einem mit Goldflitter beklebten Galgen endete, nachdem er nicht nur den ›blauen Kurfürsten‹ Max Emanuel, sondern auch König Friedrich I. von Preußen betrogen hatte. Tatsächlich aber ist die ernsthaft betriebene Alchemie alles andere als Beschiß und Spitzbuberei. Unter seriösen Vertretern dieser Wissenschaft galt die Arbeit im Laboratorium als zutiefst christliches Werk. Durch ihr Tun wollten sie nicht nur die Materie, sondern auch ihr eigenes Selbst aus dem unvollkommenen Zustand erlösen und zur Vollkommenheit zu führen. Auf dem Weg dazu sahen sie im ›Stein der Weisen‹, der freilich nie gefunden wurde, ein Symbol Christi. Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr ganz so verwunderlich, daß der zeitweilige Regensburger Bischof Albertus Magnus die frühesten deutschen alchemistischen Schriften verfaßt haben soll. Auch der Wittelsbachersproß Ottheinrich, der das Fürstentum Pfalz-Neuburg regierte und den Nachlaß des berühmten Arztes Paracelsus besaß, war ein großer Alchemist vor dem Herrn. Über Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Bernus läßt sich die Reihe der Alchemiebegeisterten bis in unsere Tage fortsetzen: Noch vor dreißig Jahren praktizierte Johann Reichardt, der wunderliche ›Goldmacher von Gunzenhausen‹. Das begehrteste Produkt seiner Alchemistenküche war das ›Drachenblut‹, ein hochprozentiger Likör mit ungeahnten Heilkräften.