Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Muspilli 

Das Lied vom Untergang der Welt

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Bücher
 

Im Abendland regierte die Angst: Anno 786 war »das Zeichen des Kreuzes in den Kleidern der Menschen erschienen, und Blut strömte aus Himmel und Erde, so daß große Furcht und heilloser Schrecken das Volk ergriff«, wie eine alte Quelle berichtet. Man rechnete mit dem Schlimmsten: mit dem baldigen Ende aller Tage. Kein Wunder, daß sich auch die Schriftsteller dem drohenden Weltuntergang widmeten – wie jener unbekannte Verfasser, der mit dem sogenannten Muspilli, einer endzeitlichen Dichtung von 103 Versen, nicht nur das verzweifeltste, sondern auch eines der frühesten Werke althochdeutscher Literatur geschaffen hat. Aufgeschrieben wurden die unheilschwangeren Zeilen wahrscheinlich in Regensburg, in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Doch was verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen Rätselbegriff ›Muspilli‹? Eine übermächtige dämonische Gestalt? Ein Feuerriese? Oder das apokalyptische Tier, das in der Offenbarung des Johannes die Zahl 666 trägt? Immer wieder gab es Berechnungen und Prophezeiungen, wann das Ende der Zeiten kommen werde. Doch schon im Matthäus-Evangelium heißt es: »Von dem Tage aber / und der Stund weiß niemand / auch die Engel nicht im Himmel«. Das ›Wann‹ bleibt also ungeklärt, nicht aber das ›Wie‹: Von den Schrecken der Apokalypse handeln zahlreiche alte Schriften, darunter das Lied vom End’ der Welt des Landsberger Jesuiten Sigismund Bachhammer, die Chronik Bischof Ottos von Freising und das Tegernseer Antichristspiel. Auch in zahlreichen bayerischen Sagen und Legenden ist der Untergang der Welt seit Jahrhunderten aktuell.