Mit der Zeyt

Klaus Reichold - Kulturhistoriker

Leben

 

 

 

... weshalb ich mich bald mit dem Gedanken trug, den Beruf eines Leichenwagenfahrers zu ergreifen.

Dann aber faßte ich den Entschluß, doch lieber Papst zu werden. Denn neben noblen, geräumigen Autos liebte ich vor allem Spaghetti bolognese und Pizza Margherita, weswegen ich ein Leben in Italien ungemein verlockend fand. Außerdem reizte mich der Prunk, der bei den Beerdigungsfeierlichkeiten eines Papstes üblicherweise entfaltet wird: Von Heerscharen purpurgewandeter Kardinäle unter dem Geläut der Glocken von Rom zu Grabe getragen zu werden, erschien mir mit Blick auf meine Person ebenso angemessen wie die Übertragung meines Leichenzuges via Satellit bis nach Borobodur.

Tatsächlich aber endete meine geistliche Laufbahn fürs erste im Starnberger See. Bei einer Dampferrundfahrt anläßlich meines 10. Geburtstages erzählte mir meine Großmama, daß die Todesursache König Ludwigs II. von Bayern, dessen Leiche eines Nachts aus selbigem Gewässer gefischt worden war, bis heute ungeklärt sei. Sofort erwachte mein kriminalistischer Spürsinn, der sich mit der Lektüre von Enid Blytons Fünf Freunde entwickelt hatte. Deshalb warf ich den Berufswunsch Papst kurzerhand über Bord und beschloß, Historiker zu werden, um die wahren Hintergründe des mysteriösen königlichen Abgangs ans Licht zu bringen.

In der Folge faszinierte mich das Studium der Geschichte und eines halben Dutzends verwandter Fächer so sehr, daß meine Altvorderen eine galoppierende Verzettelung fürchteten und glaubten, mich mangelnder Zielstrebigkeit zeihen zu dürfen. Gottlob aber hatte ich bei den Jesuiten Philosophie gehört, weswegen ich den elterlichen Vorwurf mit Argumenten aus Kants totgeschwiegener Schrift Vom Guten des Vielen entkräften konnte. Restzweifel über meinen weiteren Lebensweg bestanden allerdings auch bei mir. Selbige pflegte ich jedoch als Kirchenmusiker bei sonntäglichen Gottesdiensten mit lärmenden Toccaten in Grund und Boden zu orgeln. Daraufhin wurde ich aus dem Kirchendienst entfernt.

Dafür war ich inzwischen Magister. Und während des Studiums hatte ich Ungeheuerliches erfahren: daß Martin Luther an den Weltuntergang glaubte, daß Michelangelo Merisi da Caravaggio des Mordes bezichtigt wurde, daß nicht wenige Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ihren Astrologen mehr vertrauten als ihren Feldherren, daß der Tod des historischen Doktor Faust nichts anderes war als ein alchemistischer Betriebsunfall und daß  Zarin Katharina (die Große) eines Tages, auf einem Kanapee ruhend, samt ihrem geliebten Palais Gostilitzky unter großem Getöse den Schloßberg hinunterdonnerte, aber mit dem Schrecken davonkam.

Aus dem Wissen um solcherlei Begebenheiten schlage ich Kapital: Ich verpacke sie in ausnehmend gelungene Geschichten und verkaufe sie - beispielsweise  an Buchverlage, Fernsehsender oder Volkshochschulen. Gleichzeitig recherchiere und publiziere ich mir zum Thema Märchenkönig die Finger wund. Und siehe da: Die Damen und Herren Auftraggeber hofieren mich. Sie fürchten, ich könnte irgendwann die Rätsel um den Tod Ludwigs II. gelöst haben, meinen historisch-kriminalistischen Spürsinn an den Nagel hängen und doch noch Papst werden. Und wer möchte es sich schon mit dem künftigen Stellvertreter Christi auf Erden verscherzen?